Schulz und der Alkohol

Ein Gastbeitrag von Philipp Bode

Im SPIEGEL vom 11.02. (Nr. 17, S. 18) las ich neulich, das Team der KNSK, der für den Bundestagswahlkampf der Union zuständigen Werbeagentur, habe sich in Absprache mit ihren Auftraggebern darauf geeinigt, die frühere Alkoholsucht des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz nicht zum Wahlkampfthema zu machen.

Moment, das kann nicht stimmen. Lieber nochmal lesen: Man einigt sich darauf, die Sucht eines Menschen nicht im Rahmen eines politischen Machtkampfes öffentlich zur Schau zu stellen. Darauf hat man sich geeinigt. Wie habe ich mir das vorzustellen? Dass erwachsene, politisch einflussreiche Menschen tatsächlich Zeit dafür bereit sind aufzubringen, sich darauf zu verständigen, eine solche moralische Generalverdunklung nicht zuzulassen? Es gab also tatsächlich Einigungsbedarf? Dafür wurde Arbeitszeit genutzt, verbraucht?

Ich versuche so viel Idealismus und Naivität, so viel Wissen über Politik und ihre Strukturen, ihre Böswilligkeiten und Einfältigkeiten auszublenden, ich versuche zur eigentlichen, zur einzig relevanten Information dieses Vorgangs vorzudringen, entkleidet jeglichen Kontextes. Dann lautet die Aussage allerdings noch einmal monströser: Man einigte sich darauf, die Sucht eines Menschen nicht öffentlich zur Schau zu stellen.

Für eine solche Erkenntnis braucht es keinen Kontext. Sie ist an sich derart schmerzhaft einige moralische (oder unmoralische) Selbstverständlichkeiten abschminkend, dass es wie blanker Zynismus daherkommt, wenn wir Wählerinnen und Wähler seit Wochen mit der Illusion konfrontiert werden, die politische Empörung über den amerikanischen Unsinn etwa inklusive der wie ein merkelsches Mantra vorgebrachten Verweise auf ein „regelbasiertes, auf gemeinsamen Werten beruhendes, gemeinsames Agieren“ seien wirklich ernst gemeint.

Daher zur Sicherheit noch einmal: Die für die aktuell die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland stellenden Partei arbeitende Werbeagentur hat sich gerade – wie wohlwollend, wie anständig – darauf verständigt, die Alkoholsucht Martin Schulz’ nicht zum Wahlkampfthema zu machen. Wer jetzt mit den bekannten, und damit nicht minder zerfressenden Phrasen wie „Politik ist eben so“, oder noch besser: „Politik funktioniert nur (!) so“, daher kommt, hat offenbar vor, im Grab der Verachtung noch eine Etage tiefer zu schlummern – und kennt den unter Ethikern bekannten Begriff des Sein-Sollen-Fehlschlusses nicht (was vorkommen soll).

Meine Empörung erwächst nicht etwa aufgrund der Tatsache, dass Schulz’ Alkoholsucht offenbar vor seiner politischen Karriere lag oder der Frage, was denn überhaupt zu befürchten sei? Dass der mögliche Kanzler eines Tages wieder der Trunksucht verfällt und uns alle vor den Augen der Welt blamiert? Meine Empörung erwächst aus der (wenn auch nur theoretisch in Erwägung gezogenen) Instrumentalisierung eines ernsthaften Problems. Denn wenn es laut Epidemiologischem Suchtsurvey (Stand 2014) 7,4 Millionen Erwachsene in Deutschland gibt, die ein Alkoholproblem haben, 4 Millionen einen riskanten Alkoholkonsum aufweisen und dramatische 1,7 Millionen Erwachsene sogar direkt alkoholabhängig sind, dann braucht es keine großen Begabungen in Mathematik, um zu begreifen, dass es hier ein Problem gibt. Überall. Im Parlament und außerhalb.

Dieses Problem zu thematisieren, es zu enttabuisieren und es in angemessener Weise zu dramatisieren (denn es ist dramatisch für die Betroffenen), das wäre ein löblicher Schritt, eine Maßnahme, die weit in die Bevölkerung hineinwirken dürfte, die Ernsthaftigkeit und Verständnis signalisieren würde. Das Denken der KSNK aber verweist exakt in die andere Richtung: Die frühere Alkoholsucht des SPD-Kanzlerkandidaten wird nicht nur nicht thematisiert, weil es um eine Suchterkrankung geht, sie wird auch deswegen nicht thematisiert, weil es den ehemaligen Suchtkranken nicht schaden soll. Nochmal: Es soll ihm nicht schaden!

Hätten die an diesem Einigungsprozess beteiligten Personen mit Blick auf die (ja bekannte und auch von Schulz nicht verheimlichte) frühere Suchterkrankung des SPD-Kanzlerkandidaten einen Funken Anstand im Leib, würden sie diese sehr wohl thematisieren – indem sie Schulz mit Respekt übergießen. Und zwar nicht auf Wahlkampfveranstaltungen, sondern einfach so, ehrlich und unverstellt. Alkohol kennt vermutlich keine Parteibücher.

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